Die Zeit der Republik und der Prozess der Modernisierung

Die Zeit der Republik und der Prozess der Modernisierung

Zur Zeit der Republik wurden die Forderungen, die von der Osmanischen Frauenbewegung formuliert wurden, durch Gesetzesänderungen anerkannt und es entstand ein „Staatsfeminismus” (Tekeli, 1998). Damals wurden für die Frau wichtige und tiefgreifende Reformen durchgeführt, wie die Novellierung des Zivilgesetzes von 1926, die Bildungsreform, die gleichgestellten Bürgerrechte von 1930 oder z.B. das Recht auf Arbeit. Aber die Gleichheit zwischen Mann und Frau blieb auf dem Papier. Die feministische Geschichtsforschung zeigt, dass der von den Frauen geleistete Kampf vertuscht wurde und gegen Kritik aus dem Westen als Indikator für Demokratisierung und Verwestlichung/Modernisierung instrumentalisiert wurde. Die Regelungen existierten im Großen und Ganzen nur auf dem Papier (Tekeli, 1998; Kerestecioğlu, 2004). Bis ins Jahr 2000 behielten diese Gesetze, die betonten, dass dem Ehemann zu gehorchen sei und die Erlaubnis zu arbeiten ebenfalls an ihn gebunden ist, ihre Gültigkeit, und die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie blieb damit sexistisch und hierarchisch geregelt.

Nezihe Muhiddin und die feministischen Frauen ihrer Zeit sind ein anschauliches Beispiel dafür, wie der Staat mit strengen Mitteln versuchte die Frauenbewegung zu vertuschen. Im Jahr 1923, nachdem sie von der Gründung der Republik erfahren hatten, gründeten sie die „Frauenvolkspartei” (Cumhuriyet Halk Firkasi), um für wirtschaftliche, soziale und politische Gleichberechtigung, sowie für gleiche Staatsbürgerrechte, zu kämpfen. Die Gründung dieser Partei, die den politischen Diskurs des gleichberechtigten Feminismus der „ersten Welle” und politische Rechte einforderte, wurde hintertrieben. Die Frauen gaben nicht auf und änderten die Paragrafen des Parteiprogramms, die als „unpassend” eingestuft worden waren und gründeten 1924 die „Union der Türkischen Frauen (TKB) (Zihnioğlu, 2010; Kılıç, 1998). Die TKB war in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Gesellschaft, Politik und Gesetze für Frauen aktiv und zielte darauf ab, dass Frauen politische Rechte erhielten. Die TKB stellte die Forderung, Teil des politischen Lebens zu sein und führte Kampagnen zum Thema aktives und passives Wahlrecht durch. Daraufhin wurde die Gründerin Nezihe Muhiddin wegen dieser als unangebracht betrachteten Forderungen vom Staat mit Verleumdungen überzogen, dass sie nie wieder in die politische Arena zurückkehrte und aus der Union ausgeschlossen wurde. Danach konzentrierte sich der TKB auf wohltätige Arbeit und auf die Bildung der Landfrauen und war fortan ein kemalistischer Verein (Zihnioğlu, 2003). Im Jahr 1935 endlich wurde der TKB aufgelöst, weil man der Ansicht war, dass „das Problem der Frauenrechte” gelöst sei, nachdem 1926 durch das Zivilrecht das aktive und passive Wahlrecht durchgesetzt worden war. So wurde TKB als ein wichtiger Meilenstein für die Frauenbewegung, der gleichzeitig eine Brücke zwischen der Osmanischen und der Republikanischen Frauenbewegung bildete, abgeschafft (Kerestecioğlu, 2001; Zihnioğlu, 2003; Kılıç, 1998).

Trotz der Reformen sah der kemalistische Staat die Frau in erster Linie als Mutter und definierte sie über ihre häusliche Rolle. Weil die Frau ein Symbol und Mittel zur Modernisierung/Verwestlichung war, waren die Veränderungen bezüglich der Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft nicht das Hauptanliegen. Der Kemalismus hat die Unterdrückung der Frau nicht vollständig erfasst. Ganz im Gegenteil, weil die gesellschaftliche Aufgabe in Entwicklung und Fortschritt bestand, wurde die Last auf ihren Schultern noch erhöht (Arat, 1998).

Zusammengefasst kann man diese Entwicklung in der Türkei und weltweit als „Eigenschaft der modernisierend-nationalistischen Politik” betrachten (Kerestecioğlu Özkan, 2001). Während diese Tatsache dafür sorgte, dass die Frau an Sichtbarkeit im öffentlichen Raum gewann, verhinderte sie gleichzeitig die Sichtbarmachung der Ungleichheit im privaten Bereich (Çağatay, Soysal, 2010). Der Kemalismus schuf den Irrtum, dass mit der Republik die Geschlechterdiskriminierung ein Ende gefunden hätte und machte das zum Diskurs in den Schichten, die den Prozess der Modernisierung und Nationalisierung der Frauenbewegung speisten. Nachdem der Nationalstaat gebildet und an die Macht gebracht worden war, folgte die Abtrennung der Frau von der politischen Beteiligung und der Diskurs wechselte von der Verwirklichung der Frauenrechte hin zu einer „Erteilung der Rechte”. Diese Auffassung und der dazugehörige Diskurs führten zu einem Rückzug der Frauen. Nach dieser Phase wurde bis zum Beginn der 1980er Jahre in der Türkei nicht mehr formuliert, dass die Frauen innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft ein unterdrücktes Geschlecht seien. Ganz im Gegenteil, es entwickelte sich der Diskurs, dass Atatürk den Frauen in der Türkei Rechte verliehen habe, die es sogar in den westlichen Ländern so nicht gegeben habe (Tekeli, 2010). Die Frauenbewegung betonte ihre Verbundenheit mit dem laizistischen Staat, der ihr Rechte eingeräumt hatte, für die er nun als Garant eintrat. Die grundsätzlichen Ziele bestanden im Schutz dieser Rechte. Zusätzlich dazu waren Frauen in erster Linie „Mütter” und „Ehefrauen” und unter dem Einfluss der Definition der weiblichen Identität als „geschlechtslos, keusch und aufopferungsvoll”, zogen sie sich aus dem frisch eroberten öffentlichen Raum in den privaten Bereich zurück. Das Arbeiten und die Präsenz im öffentlichen Raum wurde mit Schwierigkeiten in Verbindung gebracht und bei jeder Gelegenheit betont, dass der natürliche Ort der Frau der persönliche Bereich und die Familie seien (Demirci, 2010).  

In der ersten Hälfte der Republik haben sich die Frauen zwar zurückhaltend verhalten, wenn es darum ging, das Wesen und die Wurzeln des patriarchalischen Systems zu hinterfragen, doch es bildeten sich erste Fragezeichen. Aber erst die Töchter der nächsten Generation stellten Fragen und wollten das System von der Wurzel auf kritisierten und verändern. Dieses intensive Hinterfragen und der Aufstand fand in den 1980er Jahren geeignete gesellschaftliche und politische Bedingungen für seine Entstehung (Berktay, 2003). Şirin Tekeli stellte fest, dass es den Frauen bis in die 1980er Jahre lediglich gelang festzustellen, dass Frauen unterdrückt werden, weil sie Frauen sind (Tekeli, 1989). 

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