Die 1990er: Die Zeit der Diversifizierung und Institutionalisierung

Die 1990er: Die Zeit der Diversifizierung und Institutionalisierung

In den 1990er Jahre wurden große Treffen und eine Konferenz mit allen Gruppierungen des Feminismus abgehalten und somit begannen in diesen Jahren die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Frauenbewegungen deutlich zu Tage zu treten. Deswegen stehen die 1990er Jahre der Frauenbewegung für die Bemühungen des Zusammenhalts trotz aller Unterschiede und für die durchlebten Trennungen. Die Ankaraer Feministinnen riefen im Februar 1989 zum ersten feministischen Wochenende auf. Verschiedenste Gruppierungen der Frauenbewegung kamen erstmals zusammen, entwickelten gemeinsame Forderungen und Methoden und am Ende der Veranstaltung wurde das Statement „Rettung der Frau” veröffentlicht. Im Mai desselben Jahres 1989 wurde die 1. Frauenkonferenz abgehalten, zu der die Frauenkommission des Menschenrechtsvereins (IHD) – eine der wichtigsten Menschenrechtsorganisationen der Türkei - aufgerufen hatte. Sie stellte einen weiteren Wendepunkt dar. Während einerseits die Diskussionen zwischen feministischen und sozialistischen Frauen auf dem feministischen Wochenende und der Konferenz fortgesetzt wurden, begannen gleichzeitig sowohl die kurdischen Frauen als auch die Musliminnen mit lauter Stimme ihre Existenz in der Bewegung zu verteidigen und diese Unterschiedlichkeiten waren einerseits der Grund aber gleichzeitig auch das Resultat der Diskussionen. Die kurdischen Feministinnen kritisierten das Türkentum im Feminismus in der Türkei, die muslimischen Frauen den Exklusivismus (Bora, Günal, 2002). Die Frauenbewegung unterschied nicht zwischen Frauen, die dem Kemalismus anhingen und anderen Feministinnen, sondern zersplitterte in radikale, sozialistische, pro Gleichberechtigung, muslimische, kurdische, liberale usw. Feministinnen (Ergüneş, 2006).

Damals begannen auch Diskussionen über geschlechterbasierte Gewalt und Belästigung, welche die Frauen Zuhause, am Arbeitsplatz und auf der Straße erlitten. Kampagnen und Aktionen wie Lila Nadel, Scheidung, Mein Körper gehört mir, Nein zu sexueller Belästigung, Nein zu Kontrolle der Jungfräulichkeit und Nein zu Paragraph 438 griffen diese Themen auf. Das Frauenhaus Mor Çatı (1990), Die  Bibliothek und das Informationszentrum für Werke von Frauen (1990), das Zentrum für Frauenstudien an der Istanbul Universität (1990), die Stiftung Frauensolidarität (1993), der Verein Menschenrechte für Frauen – neue Lösungen (1993), Die Zeitschrift Pazartesi (1995), die Başkent Frauenplattform (1995), der Fliegende Besen (1996), der Verein zur Unterstützung weiblicher Kandidatinnen - KA-DER (1997) und das Frauenzentrum - KAMER (1997) sind Organisationen, die sich in dieser Phase institutionalisiert haben. Auch wenn sie sich nicht längerfristig halten konnten, sind auch die Periodika der kurdischen Frauenbewegung aus dieser Zeit wichtig: Rosa (1996), Jujin (1996) und Jin-u Jiyan (1998) (Özdemir, 2016).

Gleichzeitig konnten in den 1990er Jahren auch auf juristischer Ebene Siege erzielt werden. Der wichtigste: Paragraph 438 des Türkischen Strafgesetzbuches, der bei Vergewaltigung eine Strafminderung einräumt, wenn das Opfer Prostituierte ist, wurde aufgehoben. Paragraph 159 des Zivilgesetzbuches, der die Erlaubnis der Ehefrau zu arbeiten an das Einverständnis des Mannes bindet, wurde novelliert und Frauen bekamen das Recht nach der Ehe neben dem Ehenamen auch den Mädchennamen weiterzuführen. Aus den Einträgen des Einwohnermeldeamts wurden die Definitionen „ledig”, „verwitwet” und „geschieden gelöscht, Ehebruch nicht mehr als Straftat bewertet und die Formulierung „der Ehemann steht der Familiengemeinschaft vor” gestrichen (Özkan Kerestecioğlu, 2004; Uçan Çubukçu, 2004).

Zu diesem Zeitpunkt hatte die feministische Bewegung so viel Aufmerksamkeit und Institutionalisierung auf gesellschaftlicher Ebene erfahren, dass sich das auch auf staatlicher Ebene widerspiegelte. Die wichtigste Entwicklung in dieser Hinsicht war die Gründung der Generaldirektion für Fragen bezüglich des Status der Frau (KSSGM) im Jahr 1990. 

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