Die 1980er Jahre: Eine neue feministische Bewegung

Die 1980er Jahre: Eine neue feministische Bewegung

Die unabhängige feministische Bewegung, die sich nach 1980 gebildet hat, entstand -  wenngleich mit zehn Jahren Verspätung – beeinflusst von der „zweiten Welle” der internationalen Frauenbewegungen (Tekeli, 1998). Diese Bewegung aus den 1970er Jahren wollte international und in der Türkei die durch Gesetze implementierten Rechte umsetzen und im gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und wirtschaftliche Bereich realisieren. Um die systematische Unterdrückung, den Druck auf und die Diskriminierung der Frau zu beenden, wurde gegen alle Regeln des Patriarchats Einspruch erhoben und dagegen angekämpft (Uçan Çubukçu, 2004; Walters, 2009). Die zweite feministische Welle in der Türkei kritisierte die Autorität des Kemalismus und trat in Angesicht des Islam und des Kurdenkonflikts für eine Demokratisierung ein. Der Staatsmacht stand sie kritisch und distanziert gegenüber und positionierte sich gegen Staat und Kemalismus. Denn in Bezug auf die Rechte der Frau hatten diese eine „instrumentalisierende Haltung” eingenommen (Tekeli, 1998). Mit anderen Worten, es entstand eine unabhängige feministische Bewegung, die sich nicht mit legalen Rechten begnügte, sondern gegen den durch den Kemalismus erschaffenen Irrtum der Gleichberechtigung von Mann und Frau Einspruch erhob und radikale, grundlegende Forderungen hervorbrachte. Um es mit den Worten von Sevgi Uçan Çubukçu auszudrücken: es handelte es sich um eine „Bewegung des Aufstands” (Uçan Çubukçu, 2004).

Wie konnte sich eine solche Bewegung entwickeln und ausgehend von welcher Art Aktivismus erreichte sie die Gegenwart? Ende der 1970er Jahre sprang der Funke für eine neue, aktivistische Frauenbewegung auf eine Gruppe Akademikerinnen über. Unter dem Einfluss der „Dekade der Frau”, die 1975 von den VN ausgerufen worden war, wurde erneut eine Diskussion über Frauenfragen begonnen. Die Organisierung der unabhängigen Frauenbewegung ging auf die Bemühungen derjenigen zurück, die im Rahmen der Schriftsteller-Kooperative YAZKO systematische Treffen eingeführt hatten. Zur selben Zeit begannen im Rahmen der Technischen Universität des Mittleren Ostens in Ankara (ODTÜ) Frauen regelmäßige Treffen mit der Bezeichnung „Donnerstagsgruppe” abzuhalten (Özdemir, 2016). In der Provinz Çankırı hat ein Staatsanwalt in einem Prozess, den eine Frau wegen Gewalttätigkeit in der Ehe gegen ihren Mann angestrengt hatte, das Sprichwort „Achte darauf, dass die Frau stets den Knüppel auf dem Rücken spürt und ein Baby im Bauch hat” zitiert und als Begründung verwendet, um die Klage abzuweisen. Danach ging die Bewegung auf die Straße (Uçan Çubukçu, 2004).

1979 trat das „Übereinkommen zur Beseitigung jeder Art der Diskriminierung der Frau“ (CEDAW) der UN in Kraft, das auf der Nairobi-Konferenz verabschiedet worden war.  Die Türkei hat es in1985 unterschieben. Sekstausend Unterschriften wurden in der Türkei gesammelt, damit es dringende Massnahmen für die Ratifizierung in Maerz 1986 durchgefürhrt werden. (Tekeli, 2017: 274) Diese Unterschriftenaktion, die von Feministinnen aus Ankara und Istanbul unter dem Stichwort „Antrag der Frauen” begonnen worden war, erfreute sich regen Interesses und wurde die erste Massendemonstration nach 1980. Nach dieser Kampagne wurde der Verein Ayrımcılığa Karşı Kadın Derneği (Frauenverein gegen die Diskriminierung) gegründet, dessen Ziel es war, das CEDAW in die türkische Gesetzgebung zu übernehmen (Uçan Çubukçu, 2004; Timisi, Gevrek, 2002; Özdemir, 2016). In den Jahren 1982 bis 1990 folgten dann insbesondere in Istanbul und Ankara von kleinen Gruppen durchgeführte Symposien, Kampagnen, Demonstrationen, es wurden Zeitschriften herausgebracht und fremdsprachige Publikationen dazu übersetzt. 1983 wurde der erste feministische Verlag in der Türkei namens Kadın Çevresi Yayınları gegründet (Tekeli, 1989). Die wichtigste Errungenschaft dieser Zeit waren die Gruppen zur Bewusstseinsschaffung, eine der grundlegendsten feministischen Methoden, die von feministischen Bewegungen entwickelt worden waren.

Die Bewegung bestand zu einem großen Teil aus Akademikerinnen, mit der Beteiligung von Arbeiterinnen, jungen Frauen und Studentinnen ging auch eine Radikalisierung des Diskurses und damit eine Ausweitung der Protestformen einher. Als Bestandteil der „Kampagne gegen Gewalt“ wurde in Ankara ein Protest veranstaltet und 1987 folgte eine Demonstration in Istanbul unter  dem Motto „Solidarität gegen Gewalt an Frauen”. Das war die erste genehmigte Massendemonstration nach dem Putsch vom 12. September und der danach in Gang gesetzte Prozess führte bis hin zur Gründung des Frauenhauses Mor Çatı im Jahr 1990 (Tekeli, 1989). Danach veranstaltete die Frauenbewegung Straßenfeste für ihre Aktionen (Fest im Museum der Chora-Kirche, 1987), Open Air Museen (das temporäre Frauenmuseum 1988) sowie Ausstellungen. Die wichtigsten Publikationen aus dieser Zeit sind die 1987 von radikalen Feministinnen veröffentlichte Zeitschrift Feminist und die von sozialistischen Feministinnen publizierte Zeitschrift Kaktüs.

Durch diese Aktionen und Publikationen gewann die feministische Bewegung an Legitimität. Und anstelle der Kommentare der Presse und der Linken, die über die feministische Bewegung Urteile wie „Eine schmutzige Bewegung, die durch den Putsch geboren wurde” oder „Separatistische Ausweglosigkeit mit Gütesiegel der Putschisten” abgegeben hatten, wurde sie als „Die erste demokratische Opposition, die sich nach dem Putsch entwickelte” beschrieben. (Tekeli, 1989; Berktay, 2010). Der Diskurs der feministischen Bewegung galt für alle Frauen, insbesondere die aus der Mittelschicht. Man kann behaupten, dass dadurch in der Lebenspraxis sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich nicht zu unterschätzende Veränderungen stattgefunden haben. 

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