Was in den Analysen zum IS bisher fehlt

Was in den Analysen zum IS bisher fehlt

Sind erst einmal Frauen zu gleichen Anteilen in Politik, Ökonomie und Gesellschaft beteiligt, werden sich die Männer schon zu benehmen wissen. — Image Credits

Wer den Aufstieg des „Islamischen Staats“ nur als Folge des Irakkrieges erklärt, greift zu kurz. Wir brauchen endlich Analysen, die die Gewalt gegen Frauen und das patriarchale System dahinter in den Fokus nehmen - und neue Konzepte, die es überwinden könnten.

Eines der am häufigsten benutzten Argumente für das Erstarken des „Islamischen Staats“ im Irak lautet, dass die Sunniten von der Teilhabe an der Macht im Irak ausgeschlossen wurden. Aus Frust darüber, und um ihr Stück vom Kuchen wieder abzubekommen, haben sie sich dem IS angeschlossen.

So einfach sollten wir es uns in unserer Argumentation nicht machen. Man mag sich ja einer Gruppe anschließen, die einem Zugang zu Macht, Einfluss und damit möglicherweise die Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil verspricht. Aber damit erklärt sich nicht die Bereitschaft, Menschen abzuschlachten und Frauen zu versklaven, zu verkaufen und zu vergewaltigen.

Soweit wir es wissen, macht der IS keinerlei Unterschied zwischen Muslima (wie etwa viele Kurdinnen), Schiitinnenen oder Yezidinnen. Sie werden gleichermaßen vergewaltigt, verkauft und versklavt. Ebenso wenig erklärt sich das brutale Vorgehen gegen die Yeziden und Yezidinnen im Nord-Irak. Diese haben weder die Sunniten aus der Macht im Zentralirak verdrängt, sie waren nicht einmal an der Macht beteiligt. Lassen wir uns nicht viel zu sehr auf eine Logik von Gewalt und Gegengewalt ein, wenn wir das Entstehen und die Unterstützung von IS durch das hinterlassene Chaos im Irak erklären wollen?

Unterdrückung, Gewalt und Folter, Ausschluss von politischer und wirtschaftlicher Teilhabe erleben Frauen weltweit in verschiedenem Ausmaß. Niemand aber würde auf den Gedanken kommen, dass die Frauen deswegen nun zur Waffe greifen, ein Matriarchat ausrufen und Gewalt, Folter, massenhafte sexuelle Ausbeutung der Männer, Sklavenhandel mit Männern etc. betreiben würden.

Egal ob Kopftuch, Niqab oder Minirock

Nun gehöre ich nicht zu den Frauen, die in der Natur der Frauen eine besondere Friedfertigkeit annehmen. Ebenso wenig halte ich den Mann von Natur aus für gewalttätig. Vielmehr gehe ich davon aus, dass wir weltweit die geschlechtsspezifische Rollenverteilung, die sicherlich von Land zu Land und Region zu Region unterschiedlich ausfallen mag, in unseren Analysen komplett übersehen. Wir haben diese Strukturen derart verinnerlicht, dass wir gar nicht auf den Gedanken kommen, dass unsere Argumentation für Gewalt und Vergewaltigung viel zu kurz gegriffen ist.

Es ist einfach nicht logisch, dass sich gesellschaftliche Kreise – welcher Religion oder Ethnie auch immer – Bewegungen wie IS anschließen, die ihre Herrschaft im wesentlichen durch Mord und Unterdrückung und im speziellen durch besonders perfide Unterdrückung von Frauen ausüben. Es ist auch nicht logisch, dass Unterdrückung in „Gegenunterdrückung“ oder Gewalt mündet.

Für mich zeigt die Geschichte der Unterdrückung der Frauen und die weltweiten Strategien der Frauen gegen ihre Unterdrückung, dass es dringend geboten ist, eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft einzufordern. Denn offensichtlich fallen Frauen weltweit klügere Strategien ein, als zu brachialer Gewalt zu greifen. Und, vielleicht könnte dies einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Männer – weltweit – zur Vernunft zu bringen und zu zivilisieren.

Hierbei spielt es keine Rolle, ob die Frauen Kopftuch, Niqab oder Minirock tragen. Lediglich konservative Ideologen wollen uns glauben machen, dass eine Frau mit Kopftuch sich freiwillig männlicher Willkür unterstellt. Lediglich konservative Ideologen wollen uns glauben machen, dass die Frauen ihre Reize verstecken müssen, um den Mann vor seinen ungezügelten sexuellen Lüsten und vor Gewalt abzuhalten.

Sind erst einmal die Frauen zu gleichen Anteilen in Politik, Ökonomie und Gesellschaft beteiligt, werden sich die Männer schon zu benehmen wissen. Es dürfte ihnen auch kaum etwas anderes übrig bleiben. Das dürfte ausreichende erzieherische Auswirkung haben. Dann wäre auch das Zivilrecht, Strafrecht etc. endlich entsprechend ausgestaltet, dass sich Bewegungen wie IS nicht nur geringer Anziehungskraft sondern auch der Strafverfolgung sicher sein dürften. Kein Mann käme dann auf die Idee, eine Frau zu kaufen oder zu verkaufen. Denn dies würde für ihn den sicheren Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen bedeuten.

Die "Kinderbräute" in der Türkei

Solange wir aber z.B. auch in Deutschland nicht in der Lage sind, gleiche Löhne für gleiche Arbeit zu bezahlen, solange wir ernsthaft darüber debattieren, ob eine Quote für Frauen in der Wirtschaft möglich ist, solange werden wir auch nicht in der Lage sein, Entwicklungen im Irak, Syrien oder der Türkei zu verstehen und dagegen entsprechende Maßnahmen zu definieren.

Aus meiner Sicht kann IS nur teilweise mit den Auswirkungen des Irakkrieges erklärt werden. Das zugrundeliegende Problem ist eine Akzeptanz von ungleicher gesellschaftlicher Partizipation basierend auf einem patriarchalen System. Denn, die Gewalt und (Ver)Gewalt(igungen) sind Teil einer jeden Kriegsstrategie und basieren letztlich immer auf patriarchalen Konzepten. Frauen als Kriegstrophäen, Vergewaltigungen von Frauen, um den Gegner zu erniedrigen - dies sind alt bekannte Strategien. Was die Milizen des IS möglicherweise unterscheidet von anderen kriegerischen Gruppen und Staaten, ist, dass sie auf ihrem Feldzug ihre Aggressionen gegenüber allen Frauen auslassen. Es lassen sich keine explizit ethnischen oder religiösen Kriterien erkennen.

Die Machtphantasien eines Assad oder eines Saddam Hussein basieren, genauso wie die Machtphantasien der Männer, die von diesen Machthabern ausgeschlossen wurden, auf einem zutiefst patriarchalen Verständnis von Gesellschaft.

Auch die AKP erdreistet sich mit zunehmender Machtfülle, die Frauen an „Sitte“, „Anstand“ und „Moral“ zu erinnern und die Politikerinnen der HDP damit anzugreifen, dass sie „zum Mann“ werden. Es geht sogar noch weiter: Soeben erdreistete sich der Vorsitzende des Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Herr Mehmet Görmez, in der Türkei zu folgender Aussage: „Grund für Kinderbräute ist, dass die Imam-Ehe verboten ist“. Verstehen Sie nicht? Ist auch nicht zu verstehen. Er argumentiert: Wäre die Imam-Ehe gesetzlich anerkannt, könnte man minderjährige Kinder nicht mehr missbrauchen.

Wenn Imame Ehen von Kindern akzeptieren und religiös legitimieren, dann brechen diese Imame bestehende Gesetze und müssen strafrechtlich belangt werden. Die Imame und die Praxis der Imam-Ehe sind also Kern des Problems und nicht dessen Lösung. Verheiraten von Kinderbräuten bedeutet nichts anderes als Vergewaltigung von Kindern.

Als ich vor kurzem eine rund vierzigjährige Frau zum Kurdenkonflikt und den Auswirkungen auf den Alltag interviewte, gab sie mir eine unerwartete Antwort:

„Ich war vierzehn Jahre alt, als ich verheiratet wurde. Ich wurde einfach in ein anderes Haus gebracht, ich hatte gar nicht begriffen, was los war. Bis dahin hatte immer meine Mutter meine Haare gekämmt. Ich hatte doch noch nicht einmal meine Tage. Ich habe auch erst nach drei Jahren das erste Kind zur Welt gebracht. Es war schrecklich.“

Das bis heute prägendste Trauma dieser Frau war die Verheiratung und die Vergewaltigungen im Kindesalter, die später erfolgten Repressionen im Kontext des Kurdenkonfliktes fielen ihr zunächst gar nicht ein.  

Was bedeutet das? Solange wir in unseren politischen Analysen Genderaspekte als Randfrage begreifen, solange wir nicht begreifen, dass die Diskriminierung von Frauen auf direkter oder indirekter Form von Gewalt basiert, solange wir darin nicht einen Kern des Autoritarismus begreifen, solange bleiben unsere Analysen oberflächlich und greifen zu kurz.

Über die Quotenregelung hinaus

Solange wir uns noch immer mit Konzepten einer Moderne zufriedengeben, die  50 Prozent der Weltbevölkerung auf die eine oder andere Weise diskriminieren, solange können wir keine demokratischen Gesellschaftsmodelle formen. Wir sollten daher endlich eine gleichberechtigte Partizipation von Frauen an den Schaltern der wirtschaftlichen und politischen Macht durchsetzen, fordern und als Kriterium für unsere Analysen heranziehen.

Wir sollten auch neue Konzepte diskutieren. Diese können auch unter extrem schwierigen politischen wie wirtschaftlichen Umständen eingeführt werden. Interessant ist vor diesem Hintergrund die Strategie der pro-kurdischen HDP in der Türkei. Sie begnügt sich nicht mit einer Quotenregelung hinsichtlich der Kandidat/innen-Aufstellung, sie hat auf allen Ebenen ein Ko-Sprecher/innen-System eingeführt, das bis auf Dorfebene umgesetzt werden soll (was natürlich prompt per Gerichtsbeschluss verboten werden soll). Dieser Ansatz ist noch zu neu, als dass wir das Ergebnis heute bewerten könnten. Es stellt aber in jedem Fall einen interessanten Versuch dar, über die Quotenregelung hinaus Geschlechterdemokratie einzuführen - und das in einer Situation, die politisch kaum schwieriger sein könnte.

Wir sollten bestehende genderblinde Konzepte der Moderne auf dem Schutthaufen der Geschichte abladen und zu neuen Ufern schreiten. Geschlechterpolitik macht einen großen Unterschied und stellt einen unverzichtbaren Bestandteil von Demokratie dar. Jede geschlechterblinde Analyse greift daher an einem zentralen Kernproblem vieler Gesellschaften vorbei.

Patriarchale Systeme basieren auf unterschiedlichen Formen von Unterdrückung, die mehr oder weniger mit Gewalt oder anderen ideologischen Apparaten durchgesetzt werden. Sie sind aus meiner Ansicht mit ein wichtiger Grund dafür, dass Gewalt als Mittel der Interessensdurchsetzung in vielen Gesellschaften fast schon als „normal“ eingeschätzt wird und sich entsprechend auch in unseren Analysen wiederfindet.

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